Das Leiden Anderer betrachten
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Ein Mann in weißem Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, darüber ein lederner Patronengürtel. Er ist im Begriff, nach hinten über zu fallen; seine Knie im 90-Grad-Winkel, der rechte Arm ausgestreckt, das Gewehr entgleitet seinem Griff: „The Falling Soldier“ von Robert Capa aus dem Jahr 1936 im Spanischen Bürgerkrieg, angeblich aufgenommen im Augenblick des Todes. Anfangs waren Fotografien „eine Wiedergabe von etwas Realem, so unanfechtbar, wie es keine sprachliche Darstellung je sein konnte“, schrieb die US-amerikanische Autorin Susan Sontag in ihrem Essay DAS LEIDEN ANDERER BETRACHTEN (2003). Das Ideal der Kriegsfotografie ist es, das „wahre Gesicht“ des Krieges zu zeigen und Zeugnis abzulegen: So war es, das ist geschehen! Und heute, da durch KI hergestellte Bilder nahezu ununterscheidbar sind von echten Fotografien? Die international arbeitende Videokünstlerin und Regisseurin Ayla Pierrot Arendt geht der Manipulierbarkeit von Wirklichkeit nach. Mit dem Ensemble erzählt sie von Reisen durch die Krisenregionen unserer Zeit, die Kriegfotografinnen, Friedensaktivistinnen und Influencer festgehalten haben – auf der Suche nach der ganz realen Realness. Wie findet man heute so etwas wie Objektivität, wenn sie zwischen Fälschung und Wirklichkeit ständig auf dem Prüfstand steht? Wer macht und wer betrachtet die Bilder vom Leiden? Wozu dienen sie – und wem?
- Regie Ayla Pierrot Arendt
- Bühne Katharina Pia Schütz
- Kostüm Clara Rosina Straßer
- Sounddesign und Musik Filip Caranica
- Videoart Jan Isaak Voges und Ayla Pierrot Arendt
- Lightdesign Jürgen Kapitein
- Ton Raphael Weiden
- Dramaturgie Viola Köster
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Jeder und jede im Quartett erweist sich als die Idealbesetzung für die jeweilige Figur: Benjamin Höppner ist ein wunderbar bärbeißiger und gleichzeitig empathischer Arzt, in Louisa Becks Influencerin treffen Naivität und jugendlicher Furor aufeinander. Fabian Reichenbach lässt seinen Radfahrer wie in einer Blase durch die Gegend fahren, bis sie schließlich zerplatzt. Prima inter pares: Evi Kehrstephan. Als Kriegsfotografin und somit das Bühnen-Alter-Ego Susan Sontags verleiht sie dieser toughen, fast schon kaltschnäuzigen Figur eine unterschwellige Verletzlichkeit.