Eine Sache der Auslegung
Was ist am Abend der Tat tatsächlich passiert? Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seinen schwerverletzten Nachbarn am Silvesterabend mutwillig in dessen Wohnung verblutet haben zu lassen. Der Nachbar soll im Innenhof betrunken gegen eine Glastür gelaufen sein, so dass sie in tausend Stücke zerbrach, die sich zum Teil in den Beinen des Opfers wiederfanden. Der Angeklagte soll ihn zwar noch in seine Wohnung gebracht und versucht haben, das Blut notdürftig mit Handtüchern zu stoppen. Aber dann habe er die Wohnung wieder verlassen und die Wohnungstür zugezogen. So behauptet es jedenfalls die Zeugin, eine Nachbarin, die die Anzeige wegen fahrlässiger Tötung gestellt hat. Vielleicht hat sie das Zufallen der Tür aber auch gar nicht gesehen? Vielleicht hat sie es noch nicht einmal gehört, weil aus der Wohnung des Blutenden laute Popmusik zu hören war? Was hat der Angeklagte denn nun wirklich getan? Warum wird er vor diesem Gericht behandelt, als sei er ein Schwerverbrecher, obwohl nichts bewiesen ist? Welchen seltsamen Gesetzen gehorchen Gerichtspersonal und die diversen Zeugen in diesem Prozess tatsächlich? Ist das Rechtssystem irgendwie — gekippt? Die Juristin und Schriftstellerin Olga Bach hat ein unheimliches Gerichtsdrama verfasst, in dem die nahe Zukunft in kafkaeske Abgründe abdriftet und in dem die Schuldfrage schlussendlich keine Frage der Gesetze, sondern eine Sache der Auslegung ist.