Schnee Weiß

(Die Erfindung der alten Leier)
von Elfriede Jelinek
Schauspiel
Depot 2
Uraufführung:
21. Dezember 2018
Auf dem Internationalen Flughafen in Kuala Lumpur: Als der Halbruder des nordkoreanischen Präsidenten auf einem der Terminals einchecken will, nähern sich von hinten zwei Frauen und umarmen ihn. Auf den Überwachungsvideos sieht das alles spielerisch, freundlich aus, als führten sie einen kleinen Tanz auf. Wenig später bricht der Mann tot zusammen. Der Vorfall könnte der verheißungsvolle Beginn einer Geschichte sein. Jelinek indessen beschließt ihre Geschichte nach fast hundert Seiten auf verblüffende Weise – mit eben diesem Auftritt moderner Mänaden. Das von ihr gewählte Ende täuscht allerdings – ein Ende, das keines ist. Wie sollte es auch bei einem Text von Elfriede Jelinek anders sein. Es ist ein Cliffhanger. Diese Videobilder, die um die Welt gingen, sind der Auftakt für eine nächste Geschichte. Fortsetzung folgt!
Zuvor aber jagt sie uns durch Schnee, Eis, Gebirge, erlegt die eine oder andere heilige Kuh und zielt ins finstere Herz unserer Zeit. Als im vergangenen Jahr die ehemalige Skiläuferin und österreichische Abfahrtsmeisterin Nicola Werdenigg Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe während der 70er und 80er Jahre in österreichischen Skiinternaten, in Trainingslagern und auf Wettkämpfen öffentlich machte, erschütterte sie eine der Grundfesten des nationalen Selbstbewusstseins Österreichs. »Der österreichische Skisport ist die ›heilige Kuh‹«, sagt Werdenigg. »Der Skisport war in der Nachkriegszeit bis hinauf in die Siebziger ganz wichtig für das nationale Selbstwertgefühl und identitätsstiftend wie die Lipizzaner, die Sängerknaben und Mozart.« Sie beschreibt die repressive Atmosphäre einer geschlossenen, frauenverachtenden, streng hierarchischen Gesellschaft – Trainer, Lehrer, Rektoren, die im Namen des Leistungssportes ihre Schützlinge unter Druck setzten und missbrauchten.
Elfriede Jelinek nimmt diese Offenbarungen zum Anlass mit SCHNEE WEISS (DIE ERFINDUNG DER ALTEN LEIER) ein assoziatives, kulturkritisches und diskursives Textgebirge zu schaffen, in dem sie zugleich Schicht um Schicht unserer europäischen Moral- und Sittengeschichte freilegt. So überlagern sich in ihrem neuen Stück wechselnde Perspektiven und Positionen, historische und moderne Frauen- und Rollenbilder, Fragen nach Gerechtigkeit, nach unserem heutigen moralischen Selbstverständnis, Fragen nach Strafe und Schuld.
Bühne / Kostüme: Jana Findeklee · Joki Tewes
Komposition / Musikalische Leitung: Matti Gajek
Choreografie / Körperarbeit: Sabina Perry
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Beate Heine