digitales
PROGRAMMHEFT

EDWARD II.

DIE LIEBE BIN ICH
Nach Christopher Marlowe • Von Ewald Palmetshofer
»Find a dusty old
play and violate it.«
Derek Jarman: Queer Edward II. (London, 1991)

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM AUTOR

1978 in Linz geboren, probiert sich Palmetshofer nach der Schullaufbahn zunächst durch den Fächerkanon der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Wien (u.a. Theaterwissenschaft und Germanistik). 2005 debütiert er dann als Autor mit SAUSCHNEIDN. EIN MÜTTERSPIEL, welches 2009 in Graz uraufgeführt wird. Als Hausautor am Schauspielhaus Wien folgen 2007 HAMLET IST TOT. KEINE SCHWERKRAFT und 2009 FAUST HAT HUNGER UND VERSCHLUCKT SICH AN EINER GRETE. Weitestgehend kanonisierte Dramen werden von Palmetshofer mal als »Folie, die schnell wieder zu verlassen ist« gesehen, bei anderen geht es vor allem um die Sprache selbst: »Das ist von Stück zu Stück verschieden. Manchmal eröffnet sich da nur eine Assoziation oder ein Motiv, das ich aus einem Klassiker aufgreife. Manchmal geht es um den Stoff selbst oder um die sprachliche Aktualisierung, wie beispielsweise in meiner Neudichtung von EDWARD II. nach Christopher Marlowe.« Nach Anstellungen an Theatern in Österreich und der Schweiz arbeitet Palmetshofer seit der Spielzeit 2019/20 als Dramaturg am Residenztheater München.
12 FEB 2021

Kapitel 1: Einzug

Vom Bordstein bis zur Skyline, von Chorweiler ins Excelsior, vom französischen Exil an den englischen Hof… nach dem Tod seines Vaters holt der neue König Edward II. als erste Amtshandlung seinen verbannten Liebhaber Gaveston zurück nach England – zum Missfallen der Peers. Während Edward und Gaveston sich wieder annähern, schmieden diese ihre eigenen Pläne…
Podcast Empfehlung
Lakonisch Elegant. Bleibt alles, wie es ist? - Männer an der Macht
»gefährlich ist’s / wenn man sich gegen König Edward stellt! / wer’s wagt, lebt kurz«
19 FEB 2021

Kapitel 2: Salbung

ACHTUNG SPOILER: Isabella brütet weiter über der neuen Situation und schwelgt in Erinnerungen. Den Peers dagegen kann es nicht schnell genug gehen: Sie reißen die Macht an sich und lassen Gaveston – ihr Hassobjekt – abführen. Edward ist machtlos, seine Liebe zunächst unverstanden – bis Isabella eingreift…
Podcast Empfehlung
Sein und Streit: »30 Jahre "Gender Trouble« von Judith Butler

»was liebt ihr den, den jeder hasst? / weil er mich mehr als jeder liebt«
26 FEB 2021

Kapitel 3: Krönung

ACHTUNG SPOILER: König Edward betrauert Gavestons Abwesenheit, ist dafür aber umso mehr berauscht von der Nachricht seiner anstehenden Rückkehr. Eine Feier, zwei Welten: Der Konflikt zwischen Edward und den Peers spitzt sich weiter zu. Mortimer bringt mit einer neuen Idee den Stein ins Rollen…
Podcast Empfehlung
Die sogenannte Gegenwart - Warum Liebe endet
»es brennt das Land schon bald/ dein Thron / du stürzt / du fällst / man setzt dich ab / gib, König, Acht«
05 MÄRZ 2021

Kapitel 4: Te Deum Laudamus

ACHTUNG SPOILER: Neue alte Liebe: In den Wirren von Gavestons Ermordung hat Spencer die Gunst der Stunde genutzt, um sich hochzuarbeiten. Isabella geht nach Frankreich: Sie und ihr Ehemann entzweien sich zunehmend, auch weil er – angestachelt von Spencer – Rache für den Mord an Gaveston schwört…
Podcast Empfehlung
Die Lösung - »Vor- und Nachteile von alternativen Beziehungsmodellen«
»Liebe bringt die Liebe nicht«
12 MÄRZ 2021

Kapitel 5: Kommunion

ACHTUNG SPOILER: Erst gibt es nur vereinzelte Gerüchte, dann weiß es die gesamte Presse: Isabella hat in Frankreich mit Mortimer und ihrem Sohn im Schlepptau Mut für einen Gegenschlag gefasst, weiß in England die Peers auf ihrer Seite und zwingt Edward und Spencer zur Flucht…
»wie schnell die Liebe ausgetauscht / wie eine Hydra scheint’s / schlägt man den Kopf ihr ab, zwei neue wachsen draus geschwind / die Liebesungetüm im Kampf besiegt man nicht«
19 MÄRZ 2021

Kapitel 6: Go fetch my father’s hearse

ACHTUNG SPOILER: In Gefangenschaft existieren die Liebes- und Glücksmomente für Edward nur noch in der Erinnerung, in der Realität ist er gezwungen die Krone seinem Sohn zu vermachen. Damit ist der Weg frei für einen grausamen Mordauftrag. Edward III. – bis dahin passiver Beobachter und Werkzeug der anderen – übt schließlich Vergeltung…
»und ich erzittre / bis ins Mark ins Innerste / in meine Eingeweide tief hinein von Liebe ich druchdrungen / wie von einem Gott«
Jahr König Edward II. (1284- 1327) /
Prinz Edward III. (1312-1377)
Gaveston (1284-1312) /
Spencer (1286-1326)
Königin Isabella (1295- 1358) Peers: Bischof, Kent, Mortimer + Weitere
1297- 1303 Edward II.: Kriege gegen Schottland und Frankreich als Knappe, später Ritterschlag Gaveston: Knappe unter Edward I., später am Hof Edwards II. und Ritterschlag Tochter Philips IV. (Frankreich)
→ Verhandlungen über Hochzeit seit 1298
-
1307 Tod Edwards I., holt Gaveston zurück, zum König gekrönt Exil, Rückkehr, zum Earl gemacht, Heirat (Nichte Edwards) - Unterschrift: Gaveston → Earl of Cornwall, Bischof abgesetzt
1308 Hochzeit mit Isabella (4 Kinder: 1312/16/18/21), Einwilligung zum Exil Exil in Irland bis 1309 Hochzeit mit Edward II. Beschluss für Exil Gavestons (Lancaster als Gegenspieler Edwards)
1311 Niederlage gegen Schottland, Verschuldung
→ Ordinances der Peers
Ordinances: Nach Flandern verbannt - Ordinances: Einschränkungen für Edward, Exil für Gaveston (Stand herabgesetzt)
1312 Missachtet Ordinances, holt Gaveston zurück, Flucht Rückkehr (Geburt der Tochter), Flucht, ermordet/geköpft - Ermordung Gavestons (ohne Mortimer)
→ Spaltung der Peers
1314- 1319 Spencers als Berater, weitere Kriege/Landverluste Spencer SR. als Berater, Spencer JR. als Günstling (neben weiteren) - -
1321- 1322 Streit um Landbesitz → Despencer War: Adelsrevolten gegen Edward II. Spencer erhält Land → Verbannung Spencer JR. - Mortimer SR. + JR.: Interesse an Land
→ führen Adelsrevolten an
1322 Rückschlag gegen Peers: Lancaster
+ ca. 20 weitere ermordet
- Isabella in Frankreich Lancaster + ca. 20 weitere ermordet, Mortimers in Tower, JR. kann fliehen
1325 Fordert Isabella zur Rückkehr auf - Verhältnis zu Mortimer offiziell -
1326- 1327 eposition Crisis: Flucht, Hausarrest, Abdankung
Edwards II.
Flucht, Ermordung
(- smythen)
Rückkehr mit Mortimer und bewaffneten Kämpfern, Übergangsregierung Großteil der Peers+Bischöfe schließen sich Isabella und Mortimer an, Eroberung von Spencers Gebieten, Mortimer: Auftrag für Mord an Spencer JR.
1327 Versetzung → Berkley, natürlicher Tod vs. Ermordung
(-smythen)
- Regentin mit Mortimer Aufforderung zur Abdankung Edwards II., Bischof: Unterstützung Übergangsregierung
+ Anklage gegen Edward II., Mortimer: Auftrag zur Ermordung vs. Kent: Bemühungen zur Befreiung
1327- 1330 Edward III. zum König gekrönt - - Mortimer: Großer Einfluss auf Edward III. / Isabella
1330 Rache an Mortimer (und Isabella)
→ König bis 1377
- Von Edward III. gestürzt → 2 Jahre Haft Mortimer: Im Auftrag Edwards III. ermordet
Kein anderes Wort ruft so viele medial geprägte Assoziationen hervor wie die Liebe. Bei Palmetshofer behauptet Edward – so lässt der Untertitel verlauten – die Liebe selbst zu sein, ein weiterer Beitrag in der Geschichte der popkulturellen Überformung dieses Begriffs.

Als Prinz Charles nach der Verlobung mit Lady Diana 1981 gefragt wird, ob sie »in love« seien, antwortet dieser nur »whatever in love means«
Regisseurin Pınar Karabulut nimmt den Titel des Stückes und diese unzählige Male reproduzierte Aussage als Anlass zumindest ein paar filmische Verweise in die Webserie zu EDWARD II einzubauen: So ist für viele TITANIC der Inbegriff der perfekten heterosexuellen Liebe geworden – wer hat nicht sofort die Titelmelodie, das an der Reling stehende Liebespaar, die Hand an der beschlagenen Fensterscheibe oder eben das Aktzeichnen im Kopf rumschwirren: »I want you to draw me like one of your French girls« flüsterte 1997 Rose Jack ins Ohr, was in Memes bis heute tausendfach parodiert wurde.
Für andere ist Liebe gleichbedeutend mit dem perfekten Familienglück – inklusive Vorstadthaus und Weihnachtsharmonie. Ein Ideal was 1974 in FEMALE TROUBLE von Regisseur und Gay-Rights Icon John Waters auf die Schippe genommen wird.

In Hollywoods Mafiafilmen wird Liebe dagegen mit Vertrauen, Respekt und Ehre verwoben und kann ganz schnell in Hass und Vergeltung umschlagen – so zum Beispiel im Klassiker DER PATE von 1972.
»Schlussendlich bleibt die Liebe mit all den Facetten ihrer medialen und kulturellen Auf- und Überladung aber oft ein unerreichbareres Ideal oder ein vergänglicher Moment. So wie bei Romeo und Julia, wo die (letzte) Liebesnacht irgendwann eben doch durch die Lerche beendet wird.«
Lutz Ackermann

LGBTI equality and human rights
in Europe and Central Asia

Ein langer Weg zur LGBTI Gleichstellung
Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) ist das unabhängige Referenz- und Exzellenzzentrum zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte in der EU.
2013 veröffentlichte sie die »LGBT-Erhebung in der EU«, welche zum Ziel hatte, mit verlässlichen und vergleichbaren Daten über das Leben von LGBT-Personen in der EU Empfehlungen an politische Entscheidungsträger*innen weiterzugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte ein Mangel an vergleichbaren länderübergreifenden Daten über die gelebten Erfahrungen in Hinblick auf Bereiche wie Diskriminierung, Gewalt und Belästigung.

Die Ergebnisse der Befragung waren erschreckend und hier in Gänze nachzulesen:
LGBT-Erhebung in der EU – Erhebung unter Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen in der Europäischen Union Ergebnisse auf einen Blick (europa.eu)

Fast die Hälfte aller Befragten gab an, in einem Zeitraum von 12 Monaten persönliche Erfahrung mit Diskrimierung oder Belästigung auffgrund ihrer sexuellen Ausrichtung zu haben, die Diskriminierungen fanden nicht nur im Privaten statt, sondern auch auf der Arbeitsstelle, in Schulen und Universitäten.

Vier Jahre später, 2020, erschien die aktualisierte Erhebung. Die Umfrage gewann an Teilnehmer*innen, Serbische und Nordmazedonische Staatsbüger*innen wurden erstmals miteingeschloßen. Ein »i« rutschte nun auch in die Terminologie der FRA: rund 140 000 Personen, die sich als LGBTI identifizieren lieferten die neuen Daten. Was hatte sich in der Zwischenzeit getan? Wenig, bis gar nichts. Die befragten Trans- und Intersexpersonen berichteten sogar von mehr Diskriminierungserfahrungen als in der Statistik von 2012.

Die gelebten Erfahrungen variieren stark nach Land, jedoch gibt es auch in den »liberaleren« Demokratien in Europa noch diskrimierende Sichtweisen. So gaben in einer Umfrage des Eurobarometer 50% der deutschen Befragten an, »kein Problem« damit zu haben, wenn sich ein schwules Paar in der Öffentlichkeit küsst. Im Gesamtranking landet Deutschland auf Platz 16 von 49 Staaten in Hinblick auf die rechtliche Gleichstellung von LGBTI Personen. Auf den vordersten Plätzen landeten Malta und Belgien, auf den hintersten Aserbaidschan und Türkei.
Szenenbild: Bettina Pommer
Kostümbild: Teresa Vergho
Originalmusik: Daniel Murena
Lichtgestaltung: Michael Frank
1. Kamerassistenz: Leon Follert
Dramaturgie: Sarah Lorenz

Quellenverweis

Zum Autor
»Glück ist eine verschwindende Ausnahme« – Gespräch mit Ewald Palmetshofer (https://www.residenztheater.de/media/user_upload/12_Programmhefte/RESI_PH010_VorSonnenaufgang_WEB_kurz.pdf)

»Unter Gleichen rechts der Mitte« – Interview (https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/buehne/936201_Unter-Gleichen-rechts-der-Mitte.html)
Zeittafel
Dodd, Gwilym / Musson, Anthony The Reign of Edward II: New Perspectives (York 2006)
Rowland, Richard The Complete Works of Christopher Marlowe. Vol. III. Edward II (Oxford 1994) → inkl. Appendix: Holinshed’s Chronicles (1587) Seymour, Phillips Edward II (New Haven/London 2010)

Die Texte ZUM AUTOR, WHATEVER »IN LOVE« MEANS und die ZEITTAFEL wurden zusammengestellt von Lutz Ackermann,der Text zu LGBTI EQUALITY AND HUMAN RIGHTS von Sarah Lorenz.